Donnerstag, 4. Februar 2010

Helden mit Knarzgitarren: Polvo

polvo-today's active lifestyles Polvo - Today's Active Lifestyles

Label: Merge

Spielzeit: 42 min

Polvo ist spanisch für „Staub“ und da passt es irgendwie, dass ich meine erste Platte der Band in einem jener second hand Plattenläden erstanden habe, in denen man nach dem Durchblättern der Tonträger immer einen Staubfilm auf den Fingern hat, und in denen es überhaupt riecht nach Plattenläden: nach Pappe und Staub. Normalerweise finde ich in dem Laden so gut wie nichts, aber an jenem Tag erblickte ich den Namen Polvo, mit dem ich irgendwie gute Assoziationen verband. Es muss wohl daran liegen, dass man öfter im Zusammenhang mit Sonic Youth von ihnen lesen kann, hatten sie doch einen ähnlich experimentellen Gitarrensound. Als ich die Platte, Cor-Crane Secret von 1992, dann zu hause das erste Mal spielte, ließ mich der Song Can I Ride erstarren: das kenne ich doch! Wie so oft in diesen Fällen aus einem ein Skatevideo, das ich wohl mit etwa 15 Jahren gesehen haben musste. Auf einmal steht die Band einem schon näher.

Letzten Monat kam dann mein zweites Album der Band ins Haus: Today's Active Lifestyles von 1993. Beim ersten Durchhören fühlte ich mich zwar durchweg unterhalten (und fing nicht an, nebenbei im Internetz zu stöbern oder mit ähnlichen ablenkenden Handlungen), war vielmehr mit Stirnrunzeln beschäftigt. Vom Debut zum zweiten Album kantiger und undurchsichtiger zu werden widerspricht den musikalischen Standardregeln, aber bitte, ich folge diesen Herren gerne. Der Mathrock-Sticker haftet nun besser auf der angekratzten Oberfläche aus schrägen Gitarrenstimmungen (von denen man nie genug haben kann, die sind wie Käse), Tempowechseln aus der Genre-Formelsammlung (die sie selbst mitgeschrieben haben) und überhaupt einem nun sprungfreudigeren, mobilen Songwriting. Für letzteres sind ja die wiederholten Hördurchgänge da, und siehe dort: Der polvosche Masterplan geht meist auf.

Nicht zuletzt haben sie auch ihre Sensibilität für Indierockperlen mit eingeflochten. Hier erinnert mich vieles an Sebadoh: die gründlich gerupften tollen Melodien, 90er Slackertum, die Stimme sogar, und die Rausch-Rumpel-Produktion, hier von Shellacs Bob Weston, der in diesem Fall entweder nicht die korrekten Mittel hatte oder zu oft mit Noisekumpel und Bandkollege Steve Albini Bier trinken war. Klingt jedenfalls nicht besonders räumlich, eher zusammengepresst und staubtrocken, aber immerhin mit schönem Akzent auf den Gitarren. Wo Polvo doch schließlich eine Gitarrenband sind. Ich will das Rhythmusduo damit nicht abwerten, denn diesen störrischen Gitarreneskapaden hier einen Rahmen zu geben ist sicher auch eine Wissenschaft an sich. Der leicht lethargische Gesang geht unter all dem ohnehin unter, was aber auch mit den Charme des Sounds ausmacht. Zudem haben sie es noch geschafft, Ohrwürmer ohne Refrains zu schreiben und kehren dabei ihre Ideen selbstbewusst unter den Krachteppich, wo man sie dann selbst suchen darf, wenn man sich durch eigentlich unmögliche Arrangements gewühlt hat.

Ein weiterer Vorzug des Albums ist der Abwechslungsreichtum, in dem es seinen schon raketenhaften Vorgänger letztlich aussticht. Am nähesten zu Sebadoh steht sicher das fast klassisch geradeaus gespielte Time Isn't On My Side, akzentuiert mit ein paar knarzigen Elektrobleeps. Auf den Spuren von Slints Spannungsbögen wandeln etwa das grandiose Stinger (Five Wigs) und das finale Gemini Cusp. Lazy Comet flirtet mit Orientalia und trödelt dabei vor sich hin, ehe ein stop-and-go-Rhythmus das Ruder in die Hand nimmt und den Song nach vorne scheucht. Aber eigentlich muss man für die Essenz der Band nicht weiter als zum Opener Thermal Treasure gehen, der sich schön dynamisch durch seine Puzzleteile windet, sich zehn mal selbst resettet, Sägegitarren auffährt und schließlich abraucht. Die Mischung aus frischen Ideen und dem Drang, den vielen Richtungswechseln zu folgen, machen aber ohnehin das ganze Album zu einer wahren Freude mit nur wenigen Momenten, in denen die Spannung beim um die Ecke denken unter den Tisch fällt.

Hochverdiente 8/10 mit Tendenz nach oben

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Zuletzt aktualisiert: 5. Sep, 12:45

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content: Philipp Klueglein 2006-2013
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