Mittwoch, 13. Juni 2012

Manmachine Interface: Old News 5 von Jim O'Rourke

Vielleicht möchte ja mal jemand die Fleißaufgabe übernehmen, für Jim O'Rourke eine website zu erstellen, auf der man alle aktuellen musikalischen Tätigkeiten des hyperaktiven Klangkonstrukteurs verfolgen kann. Seit seinem Abgang bei Sonic Youth und dem Umsiedeln nach Tokyo erscheinen nahezu monatlich, so scheint es, neue Tonträger mit seinem Namen. Live-Kollaborationen mit lokalen Künstlern und internationalen Jazz- und Noiseterroristen, ein Filmsoundtrack, die Fortführung des Fenn O'Berg Projekts und ein Album aus einem einzigen 38 Minuten langen Stück moderner Klassik sind nur ein Ausschnitt aus den Wirren seiner Diskographie der letzten Jahre.

Old News cover Nebenbei hat das Label Editions Mego, bei dem schon andere Neuauflagen seiner elektronischen Ausflüge erschienen sind, die Old News Reihe wiederbelebt. Wo die Teile 1 bis 4 seinerzeit als CD-Rs in winzigen Auflagen kursierten, wirkt die Vinyl-only-Politik der neuen Teile geradezu wie Mainstream. Der Inhalt setzt sich dabei sowohl aus Archivmaterial als auch jüngeren Aufnahmen zusammen, so dass der Titel der Reihe wunderbar passend wirkt. Ich selbst bin noch nicht weiter als zu Nr. 5 gekommen und habe dieser in einem halben Jahr gerade mal einen Hördurchgang abringen können. Nun folgt der zweite.

So, die erste Seite ist aufgelegt. Old News 5 ist eine Doppel-LP, bei der jede Seite jeweils einen langen Track enthält. Pedal and Pedal macht den Anfang, 2010 live aufgenommen in Jims zweitem Wohnzimmer, dem Club Super Deluxe in Tokyo. Klingt erstmal ziemlich nach vintage Synthesizer. Hohe Töne flirren in unvorhersehbaren Bögen durch die Luft. Die Atmosphäre ist einigen ominösen Momenten von Supersilent nicht unähnlich, oder auch jenem Moment, wenn man in Super Metroid zum ersten mal ganz allein die Füße auf einen fremden Planeten setzt, wortlos fasziniert und gleichzeitig auf der Hut. Nach einigen Minuten wird das Höhen-lastige Geschehen versetzt mit neuen Spuren analogen Kratzens, dessen schnelle Frequenz kollidiert mit dem gleichbleibend stoisch langsamen Fiepen. Schließlich werden diese Geräusche runder und weicher, das Chaos ebbt ab. Wir sind zurück im Raumschiff, die Lämpchen leuchten und blinken wohnlich. Energie aufladen, speichern.

Seite 2 abstauben, Nadel absenken... wir sind zurück im Jahr 1992, Chicago: Detain the Man to Whom heißt das Ding. Könnte irgendwie auch aus field recordings zusammengeschraubt sein. Irgendwo brutzelt ein Stromkabel vor sich hin, Wind zieht um knorrige Bäume, der Synthesizer da ist kaputt, Jim! Egal. Darf metallisch rumfuhrwerken. War das ein Zug oder eine Kirchenglocke? Ich glaube, das ist das Gruseligste das ich gehört habe seit einigen Momenten auf f#a#infinity von Godspeed You! Black Emperor, aber ohne Tricksereien wie beigelegtem vom Zug überrollten Penny oder Endzeit-Hörspiel. Sondern abstrakter. Die Maschine läuft, aber sie wird nicht warm, sondern bleibt eiskalt und eröffnet dem Zeugen nicht den geringsten Einblick in ihrer Funktionieren. Die totale Fragmentierung. Man kann ja Autechre oder sowas ein paar mal hören und den Beats halbwegs folgen, die machen ja auch noch Sinn (zumindest bis zum Confield-Album). Ich glaube nicht, dass sich Detain the Man to Whom irgendwem mal auf diese Weise erschließt. Man mag an Monolithen denken.
Ich mag in diesem Zusammenhang auch das Cover sehr gerne (wobei es schade ist, dass die anderen Old News Ausgaben das selbe Cover in Farbvarianten verwenden, irgendwie langweilig). Unüberblickbarer Aufruhr, und ist das ein Akkordeon da drin? So hört sich die Musik an – minus das Akkordeon. Die Platte hat übrigens keine Linernotes, keine Anekdoten, keine Trackliste in dem Sinne. Auf dem Label jeder Seite stehen Titel, Jahr und Ort. Chicago hat seine Realität 1992 nachts gegen eine Maschine verloren, als keiner hinguckte.

Uff, das war heftig. Was weniger Brutales wäre jetzt schon recht. Seite 2 war die Art von Musik, bei der man theoretisch übersehen könnte, dass die Platte auf 45 abgespielt werden sollte (ist nicht so) und man spielt sie jahrelang auf 33 ab, ohne den Fehler zu merken. Vielleicht sollte ich sie mal auf 45 hören, die Maschine einen Gang höher schalten. Aber erst mal die zweite Platte aus der Hülle gefischt...

Seite 3 bringt uns zurück ins Tokyo des Jahres 2010 und in ein Studio: It's Not His Room Anymore. Gewissermaßen wurde mein Wunsch erhört. Während man nicht gerade mit fröhlichem Wohlklang umschmeichelt wird, hält sich die frontale Konfrontation doch in Grenzen. Tief wogende Drones, etwas perkussiv Knarzendes und hin und wieder schief reinflirrende, verwirrte Töne erinnern mich an Ikue Moris dark ambient Ausflüge. Bisher das zurückhaltendste Stück, wobei mich in der zweiten Hälfte dieser nasale Hochton etwas nervt, weil er mich an Mücken erinnert. Die Produktion ist übrigens wie immer super. Gerade hat sich das Drone-Fundament verabschiedet und jetzt fliegt der Rest abermals durch die Gegend, wie es ihm passt. Wer hier irgendwelche Konventionen erwartet, wird enttäuscht sein. Schön durchkomponierte Instrumentalmusik von O'Rourke gibt es auf Bad Timing oder The Visitor; im elektronischen Bereich wirkt I'm Happy... vergleichsweise zahm und melodisch. Übrigens ein ganz tolles Ding, die letztere.

Aber zurück zu den alten Neuigkeiten, wir sind bei Seite 4 angelangt: London 2003, Mother and Who. Draußen fängt es grade an zu regnen. Jetzt noch nen schönen Ambient-Track? Nein! Merzbow kommt einem in den Sinn. Ab der ersten Sekunde das komplette Krachbrett. Nach kurzer Zeit dann bereits gehaltene Hochfrequenztöne, unterbrochen von sonstigen glitchigen Tonknäueln. Kurz darauf eine Weile der erhoffte Frieden und draußen scheint auch wieder Sonne. Motorisierte Tiere rufen in Häuserschluchten nach Artgenossen. Meines Erachtens klar der beste, weil dynamischste Track dieser Sammlung, in dessen Verlauf sich nahezu so etwas wie Melodien an die Oberfläche trauen und den wohl komplexesten Moment formen. Im Grunde wie eine eingeschrumpfte Version vom Oneohtrix Point Never Album Returnal, das ebenfalls mit einer Noiseattacke beginnt und sich im Folgenden eher evokativen Synthlandschaften widmet. Wobei aber Mother and Who weniger in diesem Retro-Zukunfts-Paralleluniversum von Returnal haust, sondern wahrlich in seiner eigenen Welt. Tatsächlich, das war jetzt ziemlich fantastisch!

Der Plattenteller hat seine letzte Runde gedreht, ich höre die Bäume rascheln. Selbst unter Bereitschaft für's Experimentelle, die bei dieser Art von Musik Grundvoraussetzung ist, würde ich wohl empfehlen die beiden LPs in getrennten Hörsessions zu konsumieren. Das klare Highlight ist auf der letzten Seite zu finden, während die Seiten 1 und 3 solide Grusel-Ambient-Kost bieten. Die zweite Seite ist ein interessantes Relikt aus der Vergangenheit, für das man aber eindeutig in der richtigen Stimmung sein muss, um nicht wahnsinnig zu werden.

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