Unpopular parts of popular culture

nanatsushima Titel: Travel

Medium: Manga, 202 Seiten

Mangaka: Yokoyama Yuichi (横山裕一)

Version: englisch, PictureBox Verlag

erschienen: 2008

Genre: Comedy?

In diesem Manga-Einzelband gehen drei Männer auf eine Reise mit dem Zug. Das war die Story. Wie Paul Karasik im Vorwort feststellt, ist somit nicht viel Handlung geboten, dafür jedoch eine Zelebrierung der überbordenden Mehrzahl, von Handlungen nämlich. Das Anzünden einer Zigarette passiert hier nicht unter drei Seiten und da im ganzen Band kein einziges Wort gewechselt wird, gehört die Bühne ohnehin den Gesten. Etwa den Blickwechseln mit anderen Passagieren, über deren Hintergründe wir ebenso wenig erfahren, wie über die drei Protagonisten oder das Ziel ihrer Fahrt. Ums Ankommen geht es in Travel nicht. Travel ist eine psychedelische Reise, ein straff gezogener Faden, an dem sich der Leser die Narrative selbst stricken kann, sofern er dazu Zeit findet im rasenden Erzähltempo.

Bei Travel wird alles verdreht: die Umgebung der Bahnstrecke wird zum Schauplatz natürlicher und architektonischer Wunderlichkeiten, das Interieur des Zuges selbst drängt sich in den Mittelpunkt den sonst Charaktere für sich beanspruchen, welche hier radikal geometrisch abstrahiert werden. Regen prasselt an die Fenster und verwischt die Sicht; organisches Chaos weicht menschgeschaffenen Betonkomplexen. Nichts, was man nicht selbst schonmal von einem Zugfenster aus gesehen hätte. kisuke

Aber bei Yokoyama geschieht all das mit einer prägnanten Wucht und gezielten Übertreibung. Trockenen Meta-Humor möchte man ihm zuschreiben, gemischt mit einem Bombardement von Sinneseindrücken, die den Betrachter außer Atem bringen und erschöpft zurücklassen.

Der Band vom PictureBox Verlag bietet neben dem Werk in originaler Leserichtung noch das sehr gute Vorwort und einige mehr oder wenige sinnvolle Anmerkungen des Autors. Wer wider Erwarten eine andere Ausgabe findet (etwa die französische), kann dank nicht vorhandenen Dialogen auch bedenkenlos woanders zugreifen.

nanatsushima Titel: The Walking Man (歩く人)

Medium: Manga, 155 Seiten

Mangaka: Taniguchi Jirô (谷口次郎)

Version: englisch, Ponent Mon Verlag

erschienen: jap. 1992, engl. 2004

Genre: slice of life

Ein weiterer Einzelband, der sich klassischen Story-Erwartungshaltungen und dem in westlicher Sichtweise geprägtem Image eines „typischen Manga-Zeichenstils“ entzieht, ist Jirô Taniguchis 'Aruku Hito' oder auch 'The Walking Man'. In den tagtäglichen Erlebnissen, ja Miniaturabenteuern des Salaryman-Prototypen mit glücklicher Ehe lässt sich jedenfalls wenig dramatisches Potenzial finden. Und wenn man gemein wäre, könnte man es auch als Leitfaden für jene gestresste Büroangestellte sehen, ihr Leben wieder zu genießen und sich an Kleinigkeiten zu erfreuen, sich Zeit zu nehmen und ähnliches Gefasel aus der Lebensqualität-Ratgeber-Ecke. Ginge auch, aber Sarkasmus würde einem den Blick versperren auf ein Kleinod der Entschleunigung, jene sprichwörtlich gewordene Poesie des Alltags und eine inspirierende Perspektive der Stadtwahrnehmung.

Ob sich der Protagonist in einem altmodischen Viertel wie ein Kind zwischen Häusern durchzwängt, ein Papierflugzeug aus einem Baum birgt oder die fragmentierte Sicht einer kaputten Brille wertschätzt – es sind alles kleine Perspektivenverschiebungen, ein neugieriges Interesse am Lebensumfeld und kreative Spontanität, die aus den Episoden profaner Alltäglichkeit letztlich Magie strahlen lassen. „A brief interlude in daily life. Where nothing is pressing.“. Die nur wenige Seiten langen Kapitel mit sporadischen Dialogen ließen sich binnen Sekunden durchblättern, doch muss man sich einlassen auf die Gemächlichkeit der Geschichten. Dazu laden auch die detaillierten Zeichnungen, vor allem der Umgebungen, ein, zu denen das realistische Design seiner Charaktere passt.

Der Band vom Ponent Mon Verlag gefällt mit größerem Format und guter Druck-/ sowie Papierqualität, auch wenn einige Farbseiten nicht übernommen werden konnten. An der englischen Übersetzung gibt es nichts zu bemäkeln. Der etwas hölzernene Ton, der vielen Übersetzungen aus dem Japanischen anhaftet, ist hier milde und mir persönlich lieber, als allzu freihes oder (gerne in amerikanischen Ausgaben vorgenommenes) „Regionalisieren“ mittels Slang-Ausdrücken.

nanatsushima Titel: Maggots

Medium: Comic, 352 Seiten

Zeichner: Brian Chippendale

Version: englisch, PictureBox Verlag

erschienen: 2007

Genre: Tagebuch

Brian Chippendale ist eher als hyperaktiver Schlagzeug-Misshandler und damit als eine Hälfte der Band 'Lightning Bolt' bekannt, kritzelt als Kunstschulenabgänger aber auch gerne Comics. Nicht nur auf weißes Papier, sondern zum Beispiel auch über die Seiten eines japanischen Buchkatalogs. Dabei herausgekommen ist Maggots, ein wüster Gedankenstrudel der in freilich stark stilisierter Façon tagebuchartig seinen Alltag repräsentiert. Es geht etwa um eine Fernbeziehung, Arbeiten müssen, eine Reise. Dabei lassen sich Zeit, Ort und Charaktere seltenst deutlich differenzieren; es schwebt alles in einem losen Raum.

Da er bedruckte Seiten überzeichnen musste, ist das visuelle Gesamtbild natürlich von hoher schwarzer Dichte geprägt. Seine umrisshaften, impulsiven Charaktere interagieren in diesem Raum auf eher ruppige Art und Weise in obskuren Dialogen, Gewaltausbrüchen und sexuellen Handlungen; welche jedoch wegen der sketchy Stiftführung eher an Schuljungen-Humor gemahnen denn reißerisch zu wirken. Maggots ist nicht beschönigend, sondern absolut roh, direkt und nicht zuletzt verwirrend. Dabei machte sich Chippendale selbst aus der Panel-Anordnung noch einen Spaß, da diese nicht wie üblich von links nach rechts und oben nach unten gelesen werden, sondern in Schlangenlinien eine Seite runter und die nächste wieder herauf. Selbst dieses System bricht schnell zusammen bei den teilweise unheimlich vielen Panels, die minimalste Bewegungsabläufe Daumenkino-artig darstellen. Das macht die Lektüre des Bandes zu einer anstrengenden Tätigkeit, auch wenn einen die Einzigartigkeit dieses wahnwitzigen Machwerkes nach Pausen immer wieder zurückkehren lässt.

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Parallelen zu seinem Schlagzeugspiel scheinen naheliegend: es ist schnell, läuft kompositorischen Konventionen entgegen und stellt für die überwiegende Mehrheit der Konsumenten Krach dar. Maggots ist die Übertragung dieses Krachs für die Augen, oder um es mit dem Titel von Steven Malkmus letztem Werk zu sagen: real emotional trash.
ElektroErika (Gast) - 16. Jun, 15:11

Uaaaah, du hast "erschöpft" gesagt, RAUS!!!

Ich finde es traurig, dass der spazierende Mann ja doch redet. Genauso wie ich es unheimich finde, ernsthafte Rezensionen darüber zu lesen. Vielleicht aber nur, weil mir ständig die nicht existente Dorama-Version im Kopfe herumschwebt. Vielleicht bin ich auch einfach in Ignorant.

P.S. Dein Blog macht Schleichwerbung für Ween.

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Zuletzt aktualisiert: 5. Sep, 12:45

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