Filme

Sonntag, 19. Juli 2009

Mann, Frau, Aal

cover der aal Film: Der Aal (うなぎ)

Medium: DVD, deutsch bei Alamode Films

Laufzeit: 110 min

Regie: Shohei Imamura

Genre: Drama

Wertung: 8/10

Anonyme Briefe leiten den Büroangestellten Takuro Yamashita auf die Spur, dass seine Frau ihn mit einem anderen Mann betrügt. Schließlich kehrt er früher von einem Angelausflug zurück und findet seine Befürchtungen bestätigt. Im Wahn sticht er mit einem Messer erst auf den Mann ein, dann ersticht er seine Frau, die auf der Stelle stirbt. Scheinbar seelenruhig fährt er zur nächsten Polizeistation und stellt sich. Acht Jahre muss er ins Gefängnis, wo er das Friseurhandwerk lernt und sich im Teich einen Aal hält. Von der Menschheit enttäuscht, wird der Aal sein engster Freund. Als er auf Bewährung entlassen wird, renoviert er in einem Dorf einen alten Friseursalon und versucht unter Aufsicht seines Bewährungshelfers, dem kauzigen Priester des örtlichen Tempels, wieder den Weg ins Leben zurück zu finden.

Eines Tages findet er eine junge Frau namens Keiko, die sich offensichtlich mit Medikamenten umbringen wollte. Nachdem er sie rettet, drängt sie sich ihm als Helferin in seinem bis dahin schleppend laufenden Friseurbetrieb auf. Der läuft zwar fortan besser, doch Gewitterwolken ziehen an allen Seiten auf. Der örtliche Müllmann ist ein ehemaliger Knastgenosse von Takuro und droht, dessen Vergangenheit im Dorf bekannt zu machen. aal1
Keiko verliebt sich in Takuro, doch der fühlt sich von ihr stark an seine Frau erinnert und will sich nicht mehr mit Menschen einlassen. Zudem hat Keiko Ärger mit einem schmierigen Tokioter Finanzberater, den ihr ihre geisteskranke Mutter angehängt hatte. Hinzu kommen diverse neugierige Dorfbewohner wie der rustikale Zimmermann von nebenan, mit dem Takuro beim Aalfangen etwas entwickelt, das noch am ehesten einer Freundschaft ähnelt. Doch Takuro bleibt reserviert, misstrauisch und unversöhnbar mit seiner Vergangenheit.

Abgesehen von der ziemlich blutigen Szene zu Beginn des Filmes wählt Regisseur Imamura geradezu nüchtern dokumentierende, fast nie stilisierende und umso ehrlichere Bilder, die dem Zuschauer Nähe vermitteln trotz eines beispiellos unnahbaren Hauptcharakters. Ein paar beiläufige Fakten zum Leben des Aals als Parallele zu Takuros Leben müssen reichen als poetisches Moment. Viele Szenen balancieren auf der Grenzlinie des Komischen und der Katastrophe; die Beziehung zwischen Keiko und Takuro ist fast garnicht als solche zu bezeichnen und hält einen trotzdem in ihrem Bann. Sparsame musikalische Untermalung und, bis auf wenige Szenen in Tokyo, die Beschränkung auf wenige Schauplätze in der ländlichen Umgebung unterstreichen den isolierten Charakter Takuros, der sich in seinem neuen Leben genauso beobachtet fühlt wie im Gefängnis. Bei aller Einfachheit des Filmes werden seine Charaktere umso komplizierter und unbequemer, überhaupt ist das hier kein Gutfühl-Film. Aber auch kein plakativer Tränenquetscher, vielmehr ein unaufdringlich schöner Film mit sehr eigenen Perspektiven menschlicher Nähe.

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Die DVD von Alamode Film kostet zwar mittlerweile nicht mehr so unverschämt viel, ausstattungsmäßig spart sie aber auch ordentlich. Deutsche Untertitel oder Synchro, dazu Kapitelauswahl und eine Trailershow des Labels, mehr steckt nicht auf dem Silberling. Macht aber auch nichts, denn der Film, der sich in Cannes eine Goldene Palme abholen durfte, gehört zu den sehenswerteren Dramen aus Nippon und müffelt dabei nicht nach der harten Bestuhlung eines Indie-Kinos. Dafür Daumen nach oben.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Katsuhiro Otomos episodische eigenheiten

memories Film: Memories (メモリーズ)

Medium: DVD, deutsch bei Sony Pictures

Laufzeit: 110 min

Regie: Koji Morimoto, Tensai Okamura, Katsuhiro Otomo

Genre: episodisch, SF

Wertung: 7/10

Katsuhiro Otomo kennt man im Westen ja vor allem für seinen Manga und Anime-Meilenstein 'Akira'. 1995 erschien ein weiteres Projekt, das auf seinem Manga-Schaffen aufbaut und drei Kurzgeschichten, realisiert von drei verschiedenen Regisseuren, unter dem Titel 'Memories' vereint.

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Den Anfang macht Koji Morimoto mit der Geschichte 'Magnetic Rose' (彼女の想いで), deren Script von Satoshi Kon (u.a. 'Paprika', 'Millennium Actress') stammt, was sich auch bald bemerkbar macht. In der Zukunft treffen wir auf eine Gruppe von Müllsammlern im Weltall, die ein Notsignal empfangen und gezwungen sind, ihm auf den Grund zu gehen. Zwei der Space-Cowboys betreten eine scheinbar verlassene Raumstation und finden sich plötzlich inmitten einer prunkvollen Schloss-Szenerie wieder. Doch die ist, wie fast alles dort, nur eine holografische Projektion. Es sind Erinnerungen einer künstlichen Intelligenz, einer ehemaligen Opernsängerin, die auch zugleich die Funktionen der gesamten Station in ihrer Hand hält. Die beiden arglosen Helfer werden in ihre bewegte Geschichte eingesogen, bis schließlich ihre Zeit knapp wird, denn das ganze Gebilde ist reichlich instabil.
Die Art, wie die Szenarien der Erinnerungen zusammenbrechen, Albträume entfalten und die kalte, abgewrackte Cyberpunk-Welt bloß geben, nur um sie dann wieder von neuem zu umspinnen: das ist schon absolut typisch für Satoshi Kon; auch wenn die Geschichte selbst von Otomo stammt. Das Segment bleibt dabei spannend, großartig bebildert und eindeutig das emotional ansprechendste der drei Kapitel.

Es folgt die wohlklingend 'Stink Bomb' (最臭兵器) betitelte Geschichte unter der Regie von Tensai Okamura. Ihr fällt die Rolle des lustigen, wenn auch nicht direkt leichtfüßigen Mittelteils zu. Im Mittelpunkt steht ein Angestellter einer biologischen Forschungseinrichtung, der von den Kollegen den tollen Tipp bekommt, gegen seine Erkältung doch mal das Mittelchen vom Schreibtisch des Chefs zu probieren. Leider greift er zum falschen Glas und gerät unbemerkt an ein geheimes Forschungsprojekt: die Pille verwandelt ihn in eine biologische Waffe. Sämtliche Menschen in seiner Umgebung rafft es dahin, während er einen unglaublichen Gestank verbreitet. Und er selbst merkt davon rein garnichts. Er macht sich auf nach Tokyo, während das japanische Militär mit allen Mitteln versucht, den armen Kerl unschädlich zu machen. memo2
Die Story ist ungewöhnlich, jedoch auch eher flach im Vergleich zur vielschichtigeren ersten Geschichte. In erster Linie gibt es hier schwarzen Humor, unterstrichen von eher rustikalem Characterdesign, und jede Menge Action. Nun mag man mich steinigen, aber ich fand schon bei Akira die endlosen Explosionen, Mutationen und was nicht sonst noch auf Dauer ein wenig langatmig und fühlte mich hier entsprechend ähnlich (Akira bleibt natürlich ein toller Film). Als lockerer Mittelteil aber recht nett, man bleibt zumindest neugierig, wie es ausgeht für den bemitleidenswerten Protagonisten... und die japanische Bevölkerung.

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Zum Abschluss nimmt Otomo selbst Platz im Regiestuhl und baut mit 'Cannon Fodder' (大砲の街) die dünnste Geschichte mit den dicksten Bauklötzen. In einer wahnsinnig detaillierten Steampunk-Kulisse verfolgt er eine dreiköpfige Familie, die in einer Stadt lebt, die seit unbestimmter Zeit mit einer anderen Stadt im Krieg steht. Gekämpft wird mit riesigen Kanonen, dort arbeitet der Vater. Die Mutter sehen wir in der Waffenfabrik; der Sohn geht zur Schule und lernt dort die Physik der Kanonen. Das Bild des Krieges als nicht mehr hinterfragten Dauerzustand gelingt Otomo großartig: im Fernsehen läuft neben dem aktuellen Kriegsgeschehen „die Kanonenfamilie“ im Kinderprogramm. Der Sohn findet sie dämlich, fragt seinen Vater: „Gegen wen kämpfen wir eigentlich?“. „Das verstehst du, wenn du älter bist.“.
Neben dem groben, aber unheimlich schwelgerischen Zeichenstil ist außerdem beeindruckend, wie Otomo ohne Schnitte auskommt. Die Kamera zoomt, fährt, gleitet einfach von einer Szene in die nächste, als wäre die ganze Geschichte ein einziger, 21 Minuten langer Take. Das fördert zwar nicht die Aufmerksamkeit, ist aber dennoch eine bemerkenswerte Leistung, die auch mal wieder das Potenzial von Animation an sich aufzeigt. Kein Feuerwerk der Emotionen oder vielschichtigen Charaktere, aber dennoch ein gelungener Abschluss dieser Episodentrilogie.

Das deutsche Release von Sony Pictures bietet als Extra ein Making Of und ist auch in einer 3er DVD-Box zusammen mit Satoshi Kons „Tokyo Godfathers“ und Otomos „Steamboy“ aufgelegt worden.

Montag, 3. November 2008

A city of villages

tokyo Film: Tokyo!

Medium: 35mm, OmeU

Laufzeit: 110 min

Regie: Michel Gondry, Leos Carax, Bong Joon-ho

Genre: Drama

Wertung: 7/10

Im Vergleich zum zuletzt besprochenen Tekkon Kinkreet steht hier auf den ersten Blick deutich mehr eine japanische Stadt im Mittelpunkt, stellt sie doch den Titel und in diesem Fall das einzige Bindeglied dreier Segmente, die zusammen den Film „Tokyo!“ bilden. Ein Ausrufezeichen setzt man gar dahinter, und lässt auf dem Asia Filmfest in München vor der Vorstellung eine Japanerin zu Worte kommen, die im Prinzip nichts zu sagen hat außer sinngemäß „Tokyo ist mir zu groß“. Und dazu noch mit Fächer und im Kimono, eieiei, können wir bitte noch mehr Klischees auf die Bühne bringen? Doch eigentlich soll es hier um den Film gehen...

Das erste Segment namens 'Interior Design' stellt der französische Regisseur Michel Gondry, der bislang in Filmen wie Science of Sleep oder Eternal Sunshine of the Spotless Mind sowie diversen Videoclips seine Fantasie im Bereich der visuellen Gestaltung bewies. In Tokyo lässt er ein Pärchen ankommen, Er Möchtegern-Filmkünstler, Sie aufopfernde doch zunehmend frustrierte Lebensgefährtin. Sie kommen bei einer Freundin in ihrem winzigen Apartment unter, welche die beiden verständlicherweise gerne schnell wieder los wäre. Die Suche nach der neuen Wohnung wird zur aufreibenden Angelegenheit, nicht einmal das Auto (gefüllt mit sämtlichem Filmequipment) findet einen Platz in der Stadt. Tokyo2

Die Stadt ist nicht feindselig, doch einen festen Platz will (kann?) sie den Neuankömmlingen auch nicht bieten. Als Er Sie im Bann seines amateurhaften Filmes zunehmend vernachlässigt und bei ihr alles schiefgeht, durchwandert sie schließlich eine surreale Transformation, die ihr nun doch den Platz in der Stadt, im Leben zuweist, der sie glücklich macht. So plötzlich wie das surreale Element den Film betritt, so selbstverständlich ist es auch, völlig natürlich fügt es sich ein – typisch Gondry. Es ist eine fast poetische Geschichte, die mit einer schicksalhaften Trennung zweier Menschen glücklich macht.

Auf Gondrys feel-good-Kino folgt der Fremdkörper der Trilogie, 'Merde' von Regisseur Leos Carax. Ein in Tokyos Unterwelt lebendes, unheimlich hässliches und maximal asoziales menschliches Wesen betritt die Welt da oben, frisst Geld und Blumen und findet schließlich ein paar intakte Handgranaten aus dem zweiten Weltkrieg, die es/er auf den gut gefüllten Straßen anzuwenden weiß. Die Polizei verhaftet ihn und sperrt ihn weg. In Frankreich meldet sich derweil ein Rechtsanwalt, der die eigenartige Sprache des Insassen beherrscht. Es folgt eine Gerichtsverhandlung im Übersetzungsdreieck unterweltisch-französisch-japanisch, in der die Motive für den Massenmord offenkundig werden. Das Segment balanciert zwischen eher unterschwelliger Ernsthaftigkeit und schierem Trashhumor, zieht gerne mal quälend in die Länge und entzieht seinen Protagonisten schließlich ganz das Menschliche, nähert ihn an einen Geist an und an eine tragische Existenz, die das Leben liebt und die Lebenden verabscheut. In der Umsetzung aber ein Stück zu reißerisch, beizeiten zu albern, als dass man sich gerne länger Gedanken darüber machte.

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Den Abschluss bietet Bong Joon-Hos Segment 'Shaking Tokyo', das sich das Phänomen des hikikomori zum Thema nimmt, welches z.B. auch in der sehr empfehlenswerten Animeserie „Welcome to the NHK“ umgesetzt wurde. Hikikomori bezeichnet sowohl das soziale Phänomen als auch die betreffenden Personen: Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Oft wird dafür der Erfolgsdruck der japanischen Gesellschaft verantwortlich gemacht, dem sich die hikikomori entziehen wollen, doch die Motive können natürlich unterschiedlichst sein. Der Protagonist hat seine Wohnung seit elf Jahren nicht verlassen, fast ebenso lange hat er keinem Menschen in die Augen gesehen. Die unzähligen Bücher und Zeitschriften, denen er den Großteil seiner Zeit widmet, lässt er sich genauso liefern wie das Essen. Das Geld kommt von seinem Vater mit der Post – „nur Geld, keine Briefe mehr in den nächsten Jahren“. Eines Tages erblickt er durch den Türspalt das Strumpfband der Pizzalieferantin und kann nicht anders, als ihr in die Augen zu sehen. Es folgt ein Erdbeben, in dem sie sich scheinbar endlose Sekunden gegenüberstehen, ehe sie zusammenbricht und in seine Wohnung fällt. Was auf die Panik folgt ist eine seltsame, scheinbar zunächst einseitige Liebesgeschichte, die ihn schließlich dazu bewegt seine Wohnung zu verlassen. Nur um Tokyos Straßen leer vorzufinden, denn hikikomori ist der einzig übrig gebliebene Lebensstil geworden.

In der kurzen Laufzeit eines Segments lassen sich schlecht sämtliche Facetten einer solchen psychologischen Umkehrung zeigen, doch der koreanische Regisseur hat ein gutes Händchen für die richtigen Kleinigkeiten und dabei auch ein, zwei Kitschigkeiten gegen Ende. Die Invertierung eines vorherrschenden Tokyobildes, das der konstanten Überfülltheit, ist ein ebenso netter Einfall wie im overdub geäußerte Ausdrücke der hikikomori-Welt, die Beschreibung der Lichtqualitäten etwa: in der Sonne herumlaufen versus dem Sonnenlicht beim Wandern über die Tatamimatten zuzusehen. Es ist eine überraschend nachvollziehbare Welt, doch der Ausbruch aus derselben erscheint plötzlich, ob nun gewollt überrumpelnd oder dem filmischen Zeitrahmen geschuldet. Insgesamt eine nette Romanze mit interessantem Tempowechsel und für mich ein guter zweiter Platz hinter Gondrys Werk.

Wer in dem Film wahlweise neue Erkenntnisse oder zumindest schwelgerische Bilder zur Stadt Tokyo an sich erwartet, sollte sich definitiv anderweitig umsehen. Tokyo bleibt zumeist reine Bühne, hin und wieder werden noch allgemein bekannte Eigenschaften der Stadt (wie winzige, überteuerte Wohnungen) zur Grundlage der Geschichte. „Tokyo!“ ist eher eine lohnende Sammlung dreier sehr verschiedener Kurzfilme, die man im nicht ganz so tollen japanischen Kino der Gegenwart als positives Beispiel erwähnen sollte. 7/10, da ich mir den mittleren Beitrag nicht noch einmal freiwillig ansehen würde.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Die Stadt, das Leben

Tekkon

Tekkon Film: Tekkon Kinkreet (鉄コン筋クリート)

Medium: DVD, deutsch bei Sony Pictures

Laufzeit: 106 min

Regie: Michael Arias

Genre: kaleidoskopisch (Drama?)

Wertung: 10/10

これはだれの町でもねい。
„Diese Stadt gehört niemandem.“ Und jeder will sie. Takaramachi heißt das Viertel, ein paar historische Gebäude, billige Fressbuden, Pachinkosalons. Ein bisschen wie Asakusa in Tokyo, eine bunte Welt im Kleinformat, Shitamachi jedenfalls. Die weniger gut Gestellten Bürger teilen sich Takaramachi mit Bettlern, Yakuza, Straßengangs und Waisenkindern. Shiro und Kuro sind eigentlich das, Waisenkinder, aber natürlich keine gewöhnlichen. Kuro („schwarz“) scheint das Produkt der Stadt zu sein: gewalttätig, gerissen, innerlich ein wenig verbittert. Shiro („weiß“) wirkt wie eine Antithese, ein Kind von geradezu anstrengender Reinheit, intaktem Gewissen und überbordender Fantasie. Wie sollte es anders sein, sie können nicht ohne einander. Doch die Stadt entzweit sie.

これは俺の町だ。
„Dies ist meine Stadt.“ Stadtplanung in Japan: geldbestimmt. Die Klauen des Kapitalismus greifen nach Takaramachi, ein riesiger Vergnügungspark für Kinder soll entstehen, wo u.a. der von Yakuza Suzuki alias ネズミ („Ratte“) nostalgisch verehrte Stripclub steht. Und dabei steckt noch sein eigenes Syndikat dahinter! Dem skrupellosen Planer ist das dunkle Potenzial von Kuro, aber auch Shiro zuviel und er entsendet übermenschliche Kampfmaschinen. Die Polizei greift ein und nimmt Shiro in Schutzgewahrsam, als Kuros Durst nach Blut erwacht.
Tekkon

Tekkon

Tekkon

そこから何が見える。
„Was kannst du von dort aus sehen?“ Takaramachi wird zu dem Angelpunkt der Geschichte von Kuro, Shiro und einer Vielzahl von weiteren Charakteren, die in der Stadt auf der Suche sind. Nach Ruhe, Glück, Geld, Macht, der eigenen Vergangenheit oder einem Ausweg. Sie ist nicht bloß Bühne für einen Episodenfilm; ohnehin ist hier alles zu verstrickt um Episodenhaftigkeit zu riskieren. Die Motive überkreuzen sich, widerstreben sich wie die Charaktere Shiro und Kuro, für deren so dringend notwendige Verbindung die Stadt zunehmend zum Nemesis wird. Kuro hat die fehlenden Schrauben zu Shiros Herz, der Zuschauer bei jedem Sehen seine eigenen Schrauben, die den Film auf neuen Ebenen funktionieren und wirken lassen. Und das inmitten eines Filmes, der Gangster, rotznasige Kinder und geschwungene Eisenstangen präsentiert.

Die Hintergründe aus der Feder Kimura Shinjis sind umwerfend, sie vermitteln genau das Gefühl von Leben und Relevanz, das Takaramachi braucht. Darüber die ungewöhnlichen Characterdesigns, die an den Mangaursprung der Geschichte erinnern und mehr als einmal gestalterische Einfälle, wie sie das Animegenre wohl seit Jahren nicht gesehen hat. Nicht zu vergessen, der veredelnde Soundtrack der britischen Band Plaid. Tekkon Kinkreet ist vielleicht der große moderne Animeklassiker dieses Jahrzehnts.

Donnerstag, 6. September 2007

Was dreht sich und macht süchtig?

DVD Cover Film: Uzumaki (うずまき)

Medium: DVD, deutsch bei REM

Laufzeit: 90 min

Regie: Akihiro Higuchinski

Genre: Horror

Wertung: 9/10

Während sich der japanische Horrorfilm bei einem oberflächlichen Blick zunehmend in mäßig motivierten westlichen Remakes und „dunkelhaariges Mädchen in weißem Kleid“-Klischees zu verlieren scheint, haben die Fernostexperten vom REM-Label bereits 2004 das Kleinod „Uzumaki“ ausgraben können. Die Mangaverfilmung stellt das Erstlingswerk des Regisseurs Akihiro Higuchinski dar und dürfte die Gemüter der Zuschauer bis heute spalten.

Im Mittelpunkt steht die urjapanische Schülerin Kirie Goshima: überfreundlich, fröhlich, stellenweise lustiges overacting seites Darstellerin Eriko Hatsune. Es folgt die große Klischeephrase des Horrorfilms: In ihrer Heimatstadt Kurouzu (黒渦, „Schwarz“ und „Spirale“) geht etwas nicht mit rechten Dingen zu! Auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrem Freund Shuichi sieht sie dessen Vater, wie er gebannt mit einer Videokamera ein Schneckenhaus filmt und nicht mal auf ihre Begrüßung reagiert. Bald klaut er spiralenförmige Gegenstände bis zu einer ganzen Sammlung und fischt nur noch die Narutorollen aus seiner Misosuppe. Doch nicht nur er scheint besessen von der Spirale. In der Schule wird Kirie Zeuge, wie ein Mitschüler die Wendeltreppe hinunterspringt, sich ein weiterer zunehmend in eine Schnecke verwandelt oder ein Mädchen plötzlich eine gigantische, sich kringelende Haarpracht entwickelt. Als es den Vater von Shuichi auf sehr spezielle Weise dahinrafft, nimmt das Grauen seinen Lauf. Ein Reporter nimmt zu Shuichi Kontakt auf um die Ursache dieses Fluches zu ergründen. kirie

kamiuzu

Doch irgendwelche „Aha“-Momente und mutig konstruierte Erklärungen für übersinnliche Geschehnisse, wie sie in den bekannten 'Ring'-Filmen versucht werden, spart man sich bei 'Uzumaki' schließlich fast ganz. Es wird etwas angedeutet von einem Tempel, der in der Stadt mal einer Umweltkatastrophe zum Opfer fiel, sowie von Schlangen und Spiegeln etc, doch letztlich tut das wenig zur Sache. Das Hauptaugenmerk liegt hier klar auf der ambivalenten Stimmung, die aus der Spannung der ganzen Thematik entsteht.

narutouzu Einerseits ist die Spiralenobsession einfach wahnsinnig albern und sorgt für viele schräge Situationen mit ohnehin schrägen Charakteren. Andererseits wird mit subtilen Andeutungen und der dunklen, grünlastigen Farbgebung auch genug beklemmende Atmosphäre erzeugt, um den Film als ernstzunehmendes Kunstwerk ins Gedächtnis zu brennen. Ohnehin wird der künstlerische Ansatz gerade zum Ende hin konsequent durchgesetzt, wenn das letzte Kapitel aus bizarren, jedoch beiläufig schönen Gemälden der Spiralenopfer besteht, über die die Kamera langsam gleitet.

'Uzumaki' ist kein Film für Horrorfans, die sich eine logische Geschichte (sowieso ein Gegensatz) oder Splatterorgien erwarten. Gerade das plötzliche Ende ohne jegliche Erklärung für die Vorgänge im Film dürfte vielen sauer aufstoßen. Darum gibt es diesmal eine rein subjektive Wertung für diesen wunderbar makaberen, höchst eigenwilligen Film der ein so grau gewordenes Genre wirklich bereichert.

Dienstag, 29. Mai 2007

Ein ganzes Leben lang suchen

Dieses Review habe ich vor fast zwei Jahren für meine damals geplante Homepage "subculture addict" geschrieben, die am Ende trotz einiger fertig programmierter Reviewseiten nie so ganz vervollständigt wurde. Aber wäre doch schade um den Text, von daher: Staub wegpusten und ab dafür!

DVD Cover Film: Millennium Actress (千年女優)

Medium: DVD, us-Version

Laufzeit: 87 min

Regie: Satoshi Kon

Genre: Drama

Wertung: 8/10

Nicht viele Animeregisseure schaffen es in ihrer Laufbahn, selbst im Westen jedem halbwegs interessierten Freund japanischer Animation ein Begriff zu sein. Satoshi Kon gehört zu diesem elitären Grüppchen.
Sein Regiedebut "Perfect Blue" wurde von Kritikern wie Zuschauern derart gut aufgenommen, dass auch seinem nächsten Werk ein gewisser Sonderstatus von vornherein sicher war. 2001 war es so weit, Millennium Actress lief im Kino an und ist mittlerweile natürlich auf DVD erhältlich. Doch was erwartet uns in Herr Kons zweitem Werk?

Wer Perfect Blue kennt, ahnt es schon: erstmal Verwirrung. Wenn auch diesmal in angenehmerem Maße. Schnell finden wir uns aber in der Gegenwart wieder, wo der (ehemalige?) Filmstudioangestellte Genya Tachibana zusammen mit seinem Kameramann Kyoji Ida unterwegs ist zum Haus der titelgebenden Schauspielerin des Jahrtausends. Zumindest für Genya, der sie maßlos bewundert. Jene Chiyoko Fujiwara ist mittlerweile über 70 Jahre alt, und während das besagte Filmstudio gerade abgerissen wird, möchte Genya eine Dokumentation über sie drehen. Nach einem herzlichen Empfang überreicht Genya ihr einen alten Schlüssel. Geradezu überwältigt von den Gefühlen und Erinnerungen, die das alte Stück in ihr auslöst, fängt sie bald an zu erzählen. Von ihrer Geburt bis zum Ende ihrer Karriere verfolgt der Zuschauer Chiyokos Lebensgeschichte. Der Schlüssel war ein Geschenk eines mysteriösen Malers, der Chiyoko als Teenager über den Weg gelaufen ist. Um diesen Mann wieder sehen zu können, wird sie Schauspielerin und reist durch Japan um ihn zu finden. chiyoko1

genya,kyoji

Statt diese Geschichte konventionell in Szene zu setzen, verschmilzt Satoshi Kon einmal mehr Fiktion und Realität. Schnell finden sich Genya und Kyoji nämlich in Szenen aus den Filmen wieder, in den Chiyoko mitgespielt hat. Genya übernimmt gar selbst Rollen, während Kyoji sich eher verwirrt zeigt und sarkastische Kommentare abgibt.
Von den 40er Jahren geht es unvermittelt ins Samurai Genre, nur um später gar das Science Fiction Universum zu streifen. Das mag vom Standpunkt des logischen, verständlichen Storytelling haarsträubend sein, wertet den Film aber im Endeffekt ungemein auf. Wie auch im Making of erläutert wird, kann der Zuschauer nicht nur Chiyokos Leben nachvollziehen, sondern auch die Geschichte des japanischen Kinos und rund 1000 Jahre fernöstlicher Geschichte. Zudem öffnet diese Mehrschichtigkeit den notwendigen Raum für die einzigartige visuelle Präsentation, die sich hier entfalten kann.
chiyoko2 Als Beispiel sei eine Szene genannt, in der Chiyoko Rikscha fährt vor einem Hintergrund, der immer mehr zu traditioneller japanischer Malerei abstrahiert wird. Oder die altmodischen Fotos und Filmplakate, in die Chiyoko sich einbringt. Oder sollte man die vielen, symbolhaften Elemente betonen, deren Einfluss sich durch den gesamten Film zieht?

Keine Frage, Millennium Actress sieht einfach gut aus. Die Animation ist zudem auf gehobenem Niveau und das recht realistische Characterdesign aus der Feder von Takeshi Honda und Kon selbst ist ebenso schlicht wie passend.

Die Musik trägt in ausgewählten Szenen zusätzlich zur Wirkung des Films bei. Die Mischung aus Pop und unterschwelligen, traditionellen Klängen passt recht gut ins Konzept und untermalt mit positiver Stimmung.
Insgesamt erzählt Millennium Actress nämlich eine jener schwermütigen, tragischen und doch aufmunternden Geschichten, die ein wenig auf die Tränendendrüse drücken. Das überaus gelungene Finale entlässt den Zuschauer aber nicht deprimiert ins reale Leben, sondern rundet den Film gebührend mit einer Pointe ab. Zwar ist die Geschichte nicht so brilliant wie ihre audio-visuelle Umsetzung, es reicht jedoch für eine klare Empfehlung an alle Animefans und interessierte Außenstehende.

Die amerikanische DVD aus dem Hause Dreamworks bietet immerhin englische und japanische Synchro, Untertitel und ein interessantes Making of.

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Zuletzt aktualisiert: 5. Sep, 12:45

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content: Philipp Klueglein 2006-2013
Fonts used: Baskerville, Futura, 'Cardboarder' by kix, 'Frigate True Type Katakana 3D'

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