Musikalische Tellerrandexkursionen Pt. 1

oder: In Klangwelten, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat.

In dieser Serie möchte ich Musiker vorstellen, die Schubladen-übergreifend agieren, erfolgreich experimentieren und damit den Horizont erweitern, zumindest meinen jedenfalls. Oder anders gesagt: es geht um die interessantesten Platten, die mir in letzter Zeit (und vorher) so untergekommen sind. Was eigentlich auf alle meine Reviews zutrifft, aber diesmal mit der Extraportion Einzigartigkeit.

Irrgarteninstitution

tortoise-beacons Tortoise - Beacons of Ancestorship

Label: Thrill Jockey

Spielzeit: 43 min

Die Schildkröten aus der Vergangenheitszukunft haben ihren gewohnt eklektischen Jazz-Rock-Entwurf mitgebracht, auf dessen Zeichenbrett mal wieder der Kaffee ausgelaufen ist und der anschließend unter Berücksichtigung der ausfransenden Linien umgesetzt wurde. Kopfhörer werden bei der Einnahme empfohlen, doch möchte man mit einem Song wie Prepare Your Coffin am liebsten doch den gesamten lebenden Umkreis beschallen. Die sich euphorisch heraufschwingenden Gitarrenmelodien blieben mir jedenfalls bei der ersten Sichtung des dazugehörigen sehr schicken Videos sofort im Kopf hängen und erhöhten die Vorfreude auf das erste reguläre Tortoise-Album nach fünf Jahren. So lange höre ich die Band selbst noch garnicht, aber wer mal damit anfängt, kann wie bei Schokolade nicht mehr aufhören.

Bei Tortoise ist das Kombinieren von Musikstilen fast schon modus operandi und Beacons of Ancestorship ist ein herausragend vielseitiges Album geworden. Der Opener High Class Slim Come Floatin' In packt bockig knarzende Synthesizer über unbeständige Schlagzeug-Isotope, holt sogar aus dem Nichts noch einen walzenden Klimax hervor und schlägt allgemein genug Haken um ein eher sperriges Album zu versprechen. Anspruch verkommt jedoch zum Glück hier nie zur reinen technischen, angeberischen Geste. Manches fein schräg angesägtes Detail offenbart sich erst bei sehr aufmerksamen Zuhören. Überhaupt scheint das neue Album nach mehr Aufmerksamkeit zu verlangen als etwa ihr (m.E.) Meisterwerk TNT.

Das äußert sich nur selten unangenehm, wie etwa in Northern Something, einem mutierten Techno-Dingsbums mit aggressiv wabernden Synthies, das genau nach einem der Füller klingt, die die Band nach Eigenaussage später einfügte, um das Album besser als Ganzes funktionieren zu lassen. Zum Glück weist Gigantes dann wieder in weitaus schönere Richtungen, und zwar in mindestens fünf gleichzeitig. Zwischen hallenden und gezupften Gitarren, fallenden und gerupften Beats und irgendwann auch einer orientalischen Nasenflöte (o.ä.) tun sich genug Flächen auf, die Freunden metaprogressiver Rhythmik feuchte Träume bescheren und einen der besten Tracks der Bandgeschichte konstellieren. Glitch-Electronica und Kraut-Orientalia in vollkommener Umarmung, man möchte ihnen die Füße küssen. Penumbra und De Chelly klingen für mich, als hätten Matmos die Musik aus einem 16Bit Videospiel remixt, während Yinxianghechengqi obgleich seines Titels weniger Fragezeichen erzeugt als vielmehr ein stark verzerrtes Postpunk-Ausrufezeichen, das man so etwa auf ihren früheren Alben nie gefunden hätte. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden.

In der zweiten Hälfte werden überwiegend ruhigere Töne angeschlagen. Irgendwo zwischen Earths Westernmeditationen auf Hex in doppelter Geschwindigkeit und dem Psychedelic-Totemtanz von Tristeza gibt sich The Fall Of Seven Diamonds Plus One als elegante Diva unter Wasser, ein Oktopus mit hübsch blitzenden Ringen an jedem Tentakel. Hätte so auch gut auf TNT gepasst und ist somit wunderbar. Minors addiert dazu noch eine dubbige Bassline und erleuchtende Keyboardmotive und parkt das Raumschiff direkt in der Disco mit der Drogentapete. Morgens im Zwielicht dann am Monument Six One Thousand sitzen und sich vom grandios nach vorne stolpernden Charteroak Foundation in einen neuen Tag schleudern lassen. So stell ich mir das vor. Eine der innovativsten und besten Bands der Gegenwart.

8/10

Offizielle Bandseite
Video zu Prepare Your Coffin

Mondperspektiven

mori-aspectsofmoon Ikue Mori - One Hundred Aspects of the Moon

Label: Tzadik

Spielzeit: 46 min

Ikue Mori ist eine Komponistin und Perkussionistin, die sich in verschiedensten Musikrichtungen wohl fühlt, diesen aber immer ihren eigenen Stempel aufdrückt. In den späten 70ern war sie in der No Wave Band DNA als Schlagzeugerin aktiv und improvisierte später unter anderem mit John Zorn, ehe sie Mitte der 80er begann, mehrere drum machines gleichzeitig zu nutzen und mit Effektgeräten zu manipulieren, um ihren ganz eigenen Stil zu finden. Dabei stieß sie auch zunehmend in neue musikalische Welten vor und komponierte Ende der 90er ein fünfzehn Stücke (plus Bonustrack) umfassendes Album, basierend auf einer Auswahl von Holzschnitten aus Tsukioka Yoshitoshis Serie One Hundred Aspects Of The Moon (tsuki hyakushi). Mit fünf Gastmusikern und ihren vielseitigen Einflüssen überschreitet sie hier konstant unsere Vorstellungen von westlicher und östlicher Musik sowie von Zugehörigkeiten wie Klassik, Jazz, Kammermusik, Minimalismus, Ambient und experimenteller Avantgarde. Man könnte eine Parallelle zu Yoshitoshi sehen, der mit seiner Imagination, aber auch aus dem Westen übernommenen Maltechniken und Perspektiven-Darstellungen das ukiyo-e revolutionierte, ehe dieses als Kunstform nach ihm praktisch ausstarb. Mori mischt verschiedene Genre-Klänge mit ihrem eigenen Verständnis einer mehr texturierenden als rhythmischen Perkussion und erschafft so etwas Neues aus teilweise alten Formen.

Das Album beginnt mit zwei ineinander überfließenden, düsteren Ambient-Stücken, auf denen ihre Percussion gespenstisch über tief tönenden Flächen raschelt. Schwarze Wolken verdecken den Mond, aus einer Bar tönt ein Bass. Plötzlich gesellt sich fremdartige Vokalakrobatik dazu, mit Monkey Music Moon hat das erste kammermusikalische Stück begonnen. Eine Geige und ein Cello umgarnen sich und steigern die Spannung, lassen sich kurz von einem verirrten Piano vertreiben und setzen dann angeleitet von Moris zerstreuten Beatfetzen zum Gegenangriff an. Bei Musashi Plain Moon wirkt alles noch zerbrechlicher. Obwohl einzelne Themen wiederholt werden, scheinen alle Instrumente von einem anderen Geist besessen. Irgendwo zwischen Cartoon-Musik und -Geräuschen, Zufall und Masterplan wird man konstant auf falsche Fährten gelockt, fühlt sich jedoch gleichzeitig von einer größeren Narrative an der Hand genommen.

Waren die ersten Tracks noch vergleichsweise leichte Kost, folgt mit dem nach einem Haiku betitelten How Noisy The Sound Of Insects Calling In The Meadow As For Me, I Make No Sound But Think Of Love ein Monolog, der im Geiste von Velvet Undergrounds The Gift von scheinbar willkürlichem Geratter und Geflöte untermalt wird und dessen Ende auf den verstörenden Mittelteil des Albums weist. Die folgenden fünf Stücke widmen sich der zunehmenden Abstraktion, vom Horrorambient des Moon Of The Lonely House über Cloth Beating Moon, wo der Liebestanz von Piano und Geige geradezu von Moris brandendem Krachwall zerstört wird. Die folgenden drei Tracks klingen dann auch nach mehreren Radios, auf dem man ständig die Sender wechselt und das ganze auf ein Tape bannt, welches anschließend zerschnippelt wird. Nicht umsonst endet dieser Abschnitt mit einem Stück namens Lunacy. Danach wird es richtig vielseitig. Wir dürfen zurück in den Moon Palace, wo luxuriöse Klassikklänge zunehmend vom free jazz eingenommen werden und Theo Bleckmanns Gesang fast schon eine Musicalnote addiert. Und Glimpse of the Moon will mit gezupften Saiten und seiner Orgel zum Mutantenjam ansetzen, ehe bald leise, minimalistische Tupfer frei stehender Einzeltöne das Album mit Mountain Moon After Rain zu Ende bringen. Der Bonustrack stellt die hier sonst eher sporadischen Drum-Eskapaden von Mori in den Mittelpunkt und zeigt eine greifbarere Variante ihres Songwritings, die mehr im Electrobereich angesiedelt ist.

Ich muss zugeben, dass ich bei dieser Platte nach Worten ringen musste. Dass ich mit mir selbst rang, ob ich dazu überhaupt was schreibe. Denn das hier Gehörte befindet sich doch ein gutes Stück abseits meiner Hörgewohnheiten und scheint nach einem Wortschatz zu verlangen, der erst noch erfunden werden muss. Letztendlich siegte mein Wunsch, auf die Existenz dieses kaum reviewten Albums hinzuweisen. Wer sich mal wieder etwas Frisches, Unverbrauchtes zu Gemüte führen will, wird hier fündig, ohne es gleich mit einer Merzbow-Platte zu tun zu haben. Auch schön ist der inspirierte Hintergrund der Platte. Zwar kann man nicht immer einen direkten Zusammenhang zwischen Bild und Musik feststellen, doch lässt sich in der Stimmung teils eine zusätzliche Dimension entdecken, wenn man sich dem Hintergrund bewusst wird.
Im Alltag fehlt mir noch der Platz und der emotionale Zugang für dieses Ungetüm, es bleibt aber nach vielen Hördurchgängen weiter fordernd, eigen und somit interessant. Daher:

7/10

Ikue Moris offizielle Seite
Komplette Gallerie von Yoshitoshis 100 Aspects of the Moon
Earl (Gast) - 1. Okt, 13:46

Schön, dass du mal wieder schreibst! Auch wenn der Titel irreführend ist...

Grüße aus dem Nirgendwo

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Zuletzt aktualisiert: 5. Sep, 12:45

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content: Philipp Klueglein 2006-2013
Fonts used: Baskerville, Futura, 'Cardboarder' by kix, 'Frigate True Type Katakana 3D'

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